Verletzte Seelen
Diese Zeilen richten sich hauptsächlich an diejenigen, die Straßenhunde aus dem Süden retten. Tierschützer, Pflegestellen und an die Menschen, die diesen südländischen Hunden letztendlich ein Zuhause geben.
In letzter Zeit finden mehr und mehr südländische Hunde und ihre Menschen zu mir. Ich bin dankbar, dass ich sehr tiefen Zugang zu diesen Tierseelen bekomme und daher möchte ich heute ein wenig Einblick geben, warum gerade mit diesen Südländern besonders behutsam umgegangen werden muss. Das soll jetzt nicht abwertend gegenüber allen anderen schutzbedürftigen Tieren sein, aber heute spreche ich für die Südländer.
Diese Hunde wurden meist auf der Straße geboren, sie kennen nur die Freiheit, sie kennen weder Mauern, verschlossene Türen, geschweige denn unsere Technik. Sie kennen keine Türklingeln, sie kennen kein Telefon und noch weniger den Fernseher mit seinen oft sehr furchteinflößenden Lauten. Machen Sie sich bitte einmal die Mühe und stellen Sie sich vor, sie kennen nichts und sie kommen plötzlich in die Obhut von Menschen, eingeschlossen, jeglicher Fluchtmöglichkeit beraubt.
Wie würden Sie sich fühlen?
Die Flucht ist doch das Einzige, was diese Tiere bisher kannten. Viele dieser Straßenhunde kennen Menschenfüße und Hände nur als furchterregend und grausam. Sind es doch die Füße, die sie wegtreten, die Hände die sie schlagen. Und jetzt, plötzlich so hautnah umgeben von Füßen und Händen.
Auch wenn Sie einen Welpen retten und zu sich nehmen, denken Sie bitte daran. Auch wenn sein Leben noch nicht sehr alt ist, seine Erfahrungen sind die eines alten Hundes. In seinem kurzen Leben musste er vielleicht mit anschauen, wie seine Mutter gequält, getötet wurde, oder er musste mit ansehen, wie seine Geschwister ermordet wurden. Auch sehr junge Welpen sind oftmals geprägt von den Bildern und Erlebnissen seiner Mutter. Viele Welpen erzählen mir die Geschichte ihrer Mutter so als hätten sie alles selbst erlebt, das ist sehr erschreckend.
In den Gesprächen mit Tieren aus dem Süden, musste ich mir sehr viele abscheuliche Gräueltaten anhören und auch ansehen. Ich werde sie nicht wiedergeben, weil man es kaum ertragen kann, was dies Tiere erlebt oder auch nur gesehen haben. Doch alles, aber auch wirklich alles setzt sich fest und so entstehen sie, verletzte Seelen.
Mir widerstrebt es, wenn ich lese, dass diese verletzten Seelen, auf den Seiten der Tierschutzorganisationen als „süße, meist problemlose Maus“ angepriesen werden. Natürlich sind sie süß, auch lieb, aber nur dieses Bild zu vermitteln ist sehr gefährlich. Die Adoptiveltern verlieben sich, es wird auch unser Mutterinstinkt geweckt, wir wollen diese hilflose Bündel unter unsere Fittiche nehmen. Die Ankunft wird mit Spannung erwartet, wollen wir doch Unrecht wieder gut machen. Es ist sehr löblich, ich bin froh über jeden, der diesen Tieren ein Zuhause gibt.
Doch ich würde mir wünschen, dass mehr Aufklärungsarbeit geleistet wird, denn nicht immer ist es einfach und nicht immer läuft der Einzug reibungslos ab. Oft erreichen mich Briefe mit den Worten, „ich habe mich doch so sehr gefreut, aber nun kann ich mir nicht vorstellen, ein Leben mit diesem Hund zu verbringen, er ist so schwierig“. Dieser Hund stand aber auf der Seite der Organisation, als liebe süße Maus, verträglich mit allem und jedem.
Was ist passiert? Warum zeigt er sich auf einmal so „schwierig“?. Ich kann es Ihnen sagen. Er ist schlichtweg verzweifelt, denn in den letzten Wochen wurde er von einer Station zur anderen gereicht. In seinem Heimatland wurde er aufgegriffen, weil eine Tierschützerin der Meinung war, das Leben auf der Straße ist nichts für ihn. Aber er kannte doch nichts anderes, er empfand es nicht unbedingt als gefährlich, denn es war sein Leben, er hat es gelebt, ohne zu klagen, ohne darüber nachzudenken .. was wäre wenn. Die Tierschützerin bringt ihn in weitere menschliche Hände, zur tierärztlichen Untersuchung, evtl. Kastration etc.. Seine nächste Station ist ein Tierheim, eine Auffangstation oder ähnliches. Nun ist er seiner gewohnten Freiheit beraubt und wie es in seiner Natur liegt, nimmt er die Situation als gegeben hin und passt sich an.. und wieder lebt er, weil es sein Leben ist. Gerade als er sich angepasst hat, findet sich eine deutsche Organisation, die der Meinung ist, dieser Hund gehört unbedingt nach Deutschland, er wird nur bei uns so richtig glücklich. Und wieder durchläuft er sämtliche Prozeduren, Autofahrt, Untersuchen, Formalitäten, Transport zum Flughafen, falls er nicht per Straßentransport stundenlang durch die Lande verfrachtet wird.
Wer erklärt ihm, was vor sich geht, was diese vielen Menschen bedeuten? Wer erklärt ihm diesen fürchterlichen Lärm, der ihn ängstigt, der seinen Ohren einem ungeheuren Druck aussetzt?
Irgendwann ist auch diese Tortur vorbei, denn dann landet er, in seiner neuen Heimat. Und wieder sind sie da, neue Menschen, neue Hände. So vieles stürzt auf ihn ein. Alle reden auf ihn ein, greifen nach ihm. Wieder wird er verfrachtet und wieder weiß er nicht wohin die Reise geht. Doch irgendwann kommt er an, oft erst einmal auf eine Pflegestelle.
Jetzt ist erst einmal Erholung angesagt, Verwöhnprogramm, tolles Futter und endlich kann er zur Ruhe kommen. Er gibt sein Bestes, verhält sich so, wie er denkt, dass es von ihm erwartet hat. Er ist lieb, anhänglich, froh das ihm niemand etwas tut und er ist einfach eine „liebe, süße Maus“. Er hat sich so toll angepasst, er hat getan, was von ihm erwartet wurde und er hat sich tatsächlich so richtig wohlgefühlt, bis zu dem Tag, als es wieder sehr aufregend wird in seinem Leben. Wieder neue Menschen tauchen auf, Freude, Tränen, Aufregung und wieder, er kennt es doch schon. Wieder wird er verfrachtet, wieder weiß er nicht wohin diese Reise führt. Und warum, er war doch lieb und nett und er hatte so viel Freude in seinem neuen Leben. Er wird wohl nie begreifen, warum er weg muss obwohl er wirklich alles gegeben hat.
Dies alles erlebt ein Hund aus dem Süden oft innerhalb weniger Wochen und ich frage: Würden wir Menschen das alles problemlos meistern? Nein, natürlich nicht.
Warum aber erwarten wir, dass Tiere so etwas problemlos überstehen?
Sie haben doch so viel erlebt, so viel durchgemacht, habt Geduld, gebt ihnen die Zeit die sie brauchen. Denn sie haben so vieles zu verarbeiten, eine verletzte Seele kann heilen, aber nicht innerhalb weniger Tage. Ich danke allen, die sich die Mühe gemacht haben, bis zum Ende zu lesen. Ich danke im Namen aller verletzten Seelen.
27.09.2008 Iris Drechsel Thazi-Tierkommunikation
Verwendung des Textes nur mit Genehmigung von mir.